Apples iPad – Hype und Hoffnung
Wie Verlage vom Tablet-Trend profitieren können
Eine Woche ist es nun her, dass Apples CEO Steve Jobs auf großer Bühne seinen neusten Streich präsentiert: Das lange erwartete, von Verlagen geradezu herbeigesehnte iPad, Apples erster Tablet-Computer. Während das iPhone bei seiner Präsentation fast überall einhellige Begeisterung auslöste, sind die Reaktionen beim iPad gespalten. Die einen mäkeln an technischen Unzulänglichkeiten, andere preisen das Gerät als Revolution und Hoffnungsträger für die notleidende Medienindustrie. Die Wahrheit dürfte, wie so oft, dazwischen liegen.
Zunächst: Was ist von der Meckerfront zu halten? Vor allem Tech-Blogger und Apple-Fans kritisieren, was am iPad alles fehlt. Das Gerät besitzt keine Webcam, ist also nicht für Videokonferenzen geeignet, es besitzt auch keine Funktion zum Telefonieren, unterstützt kein Multitasking. Und das iPad unterstützt nach wie vor kein Flash.
Flash ist ein Software-Format, das von der US-Firma Adobe erfunden wurde, und bei zahlreichen Websites eingesetzt wird, um Animationen oder Videofilme abzuspielen. Auch das iPhone unterstützt bereits seit seiner ersten Generation kein Flash. Die banale Erklärung: Apple-Chef Steve Jobs hält nichts von Flash. Bei einer internen Veranstaltung vor Apple-Mitarbeitern soll er die Adobe-Leute als faul bezeichnet haben. Flash sei zu fehlerhaft programmiert und führe zu Abstürzen. Deshalb will IT-Ästhet Jobs es nicht auf seinen Apfel-Maschinen haben. Punkt.
Was das iPad auch nicht hat: Einen Bildschirm, auf dem es sich ermüdungsfrei lesen lässt, wie sie reine elektronische Lesegeräten wie Amazons Kindle bieten. Deren E-Ink-Bildschirme funktionieren ohne Beleuchtung und lassen sich genauso angenehm lesen wie eine Buchseite. Dafür baut sich der Seiteninhalt langsam auf (Video ist unmöglich) und sie funktionieren derzeit nur in schwarzweiß.
Jobs und seiner Design-Truppe kann die Kritik herzlich egal sein, denn sie kommt aus Ecken, die ohnehin nicht als Zielgruppe für das iPad in Frage kommen. Wer telefonieren will oder eine echte Tastatur vermisst, der wird sich ein iPhone oder ein anderes Smartphone und einen Laptop zulegen.
Für sehr viele andere könnte das iPad aber zu einem ganz neuen Umgang mit digitalen Inhalten führen. Und zwar aus folgenden Gründen:
- Das iPad ist mobiler als ein Laptop. Es lässt sich exzellent in Zügen und Flugzeugen nutzen aber auch in entspannten Freizeitsituationen. Man kann damit auf dem Sofa surfen, einen Film schauen oder Freunden im Restaurant Fotos zeigen.
- Das iPad ist leistungsfähiger als ein Smartphone. Durch den großen Bildschirm entfalten Filme und Fotos erst ihren Charme. Durch die intuitive Bedienung werden auch unterwegs Tätigkeiten wie das Schreiben eines Briefes, einer Mail oder das Gestalten einer simplen Präsentation möglich.
- Das iPad ist deutlich günstiger als ein High-End-Laptop und zieht keine laufenden Kosten nach sich (außer man wählt ein Modell mit Datenvertrag, aber selbst dann sind die Kosten geringer als bei einem Smartphone-Vertrag). Das macht es für viele zu einer echten Alternative.
- Das iPad bringt den Touchscreen noch näher an den Alltag. Während das iPhone und seine Nachahmer mit ihren berührungsempfindlichen Bildschirmen vor allem das Spielzeug von technikbegeisterten Männern sind, spricht das iPad mit seiner großen Fläche, seiner eleganten Erscheinung und intuitiven Bedienung auch Frauen und ältere Nutzer an (und viele Technik-Freaks natürlich trotzdem). Das Gerät könnte dem Touchscreen endgültig zum Durchbruch verhelfen und das Ende der Computer-Maus einläuten.
Vor allem Medienunternehmen knüpfen große Hoffnungen an das Gerät. Bei der Präsentation des iPad war die notorisch notleidende „New York Times“ eines der Unternehmen, die erste Programme speziell für Apples Tablet vorstellten. Die iPad-Version der „New York Times“ kam in der ersten Fassung bei der Apple-Präsentation zwar noch etwas uninspiriert daher, aber man erkannte, dass ein Tablet prinzipiell mehr Möglichkeiten der Interaktion und Darstellung bietet als ein normaler Computer. Die Mediennutzung wird, wie Jobs gleich zu Beginn bemerkte, intimer und durch das Herauslösen aus dem Browser könnten Unternehmen das Medien-Erlebnis individueller gestalten – und dafür vielleicht auch Geld verlangen.
In Deutschland hat Axel Springer mit der elektronischen Testausgabe des E-Magazins der „Welt am Sonntag“ einen Fingerzeig geliefert, wohin die Reise gehen könnte. Das E-Mag der „WamS“ wirkte, als sei es direkt für Geräte wie das iPad konzipiert. Natürlich wird es einige Versuche brauchen, bis die Verlage Inhalte entwickeln, die die neue technische Plattform wirklich adäquat nutzen. Auch für das Format Live-Paper, das die Gruner+Jahr-Tochter Entertainment Media Verlag entwickelt hat, bietet ein Gerät wie das iPad neue Chancen.
Verlage können beim Absatz digitaler Medien nicht nur inhaltlich neue Wege gehen, sondern auch Druckkosten sparen. Vielfach würden auch Kosten für die Produktion von aufwendigen DVD-Beigaben entfallen, vor allem bei Special-Interest-Titeln, die viel mit CDs und DVDs auf Covern arbeiten. Die Inhalte könnten dann direkt übers Internet auf einen Tablet Computer wie das Pad überspielt werden.
Auch Michael Rzesnitzek, Partner bei der Beratungsfirma OC & C Strategy Consultants sieht in der neuen Geräteklasse große Chancen: „Einer der bislang großen Vorteile von Printmedien ist ihre extreme Praktikabilität und Einfachheit in der Handhabung. Mit Geräten wie dem iPad holen die digitalen Lösungen auch unter diesem Aspekt auf. Darüber hinaus bieten sie beliebige Tiefe der Information, unendliche Auswahl, Bewegtbild, etc. etc..“
Eine eingebaute Erfolgsgarantie bedeutet all dies aber nicht. Höchstens für Apple. Zunächst einmal müssen Medienhäuser, wie zuvor die Musikindustrie, in den sauren Apple beißen und ihre digitalen Erlöse beim iPad mit dem Hardware-Hersteller teilen. Aber ein geteilter Kuchen ist immer noch besser als gar keiner. Und: Für Medienunternehmen und Verlage mit strukturellen Problemen, wie Regionalzeitungsverlagen, wird auch ein Gerät wie das iPad nicht die Rettung bringen.
Die neue Geräteklasse könnte für die Verlagsindustrie stattdessen als Beschleuniger des Wandels wirken. Starke Medien werden durch ein Gerät wie das iPad noch stärker, wenn sie es richtig anpacken. Der Niedergang der Schwachen wird dadurch noch beschleunigt.
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Stefan Winterbauer ist fester Autor beim Online-Medienmagazin MEEDIA. Spezialgebiete: Der digitale Wandel von Printmedien, digitale Geschäftsmodelle, Netzkultur und Social Web.
Als freier Journalist und Autor schreibt Winterbauer unter anderem für die “Welt am Sonntag”, “Süddeutsche Zeitung”, “medium magazin”, “Wirtschaftsjournalist” “acquisa” und seit Anfang November für “fachmedien.net”. Darüber hinaus moderiert und hält er Fachvorträge. Stefan Winterbauer war auch Referent beim letztjährigen Rheingauer Verlegertag mit dem Thema “Der Wandel in der Marketing orientierten Medienwelt”.
Bild: http://www.apple.com/de/
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Aufgrund der engen Verbindung von Gerät und “content” beim iPad und seiner systemischen Geschlossenheit halte ich den Vergleich mit einem Laptop für wenig aussagekräftig und hilfreich.
Das iPad tritt nicht als Arbeitsgerät an, sondern zur Unterhaltung und zur Kommunikation, ist also in gewisser Weise ein überdimensioniertes multifunktionales Spaßgerät mit eingebautem Kultstatus. Wer seine (Reise-)Zeit mit Filmegucken, Unterhaltungsliteratur und Musikhören stylish und kultig verbringen will, ist damit sicherlich gut bedient.
Daß die Welt von iPhone und iPad nicht barrierefrei ist, unterstreicht die Ausrichtung auf den passiven Konsum, nicht auf das aktive Arbeiten. Ich kann nicht erkennen, daß das iPad in der jetzigen Gestalt eine Alternative zum Laptop ist, wie auch nicht zum mp3-Player oder zum Mobiltelefon. Zwar vereint es einige ihrer Funktionen, ist aber aufgrund der eigenen Größe nicht voller Ersatz für die kleinen und handlichen Geräte.
Die derzeitigen Versuche (auch bei reinen e-Book-/-content-Readern) zeigen Tendenzen zu geschlossenen Systemen, die meiner Meinung nach die Akzeptanz und den Weg ins Alltägliche hemmen. Wie hätte sich der Personalcomputer entwickelt, wenn allein vom Hersteller autorisierte Software sowie speziell dafür erstellte Inhalte damit verarbeitet werden hätten können?
Derzeit gehört für mich das iPad noch ins Regal zu Xbox, Wii und PlayStation.
@Joachim Losehand Ein vollwertiger Laptop Ersatz kann ein gerät wie das iPad sicher nicht sein. Aber die Arbeitsanwendungen, die bei der Apple-Präsentation gezeigt wurden, zeigen, dass es auch nicht bloß als Spaß-Gerät gedacht ist. Es ist mehr ein Spaß-Gerät, mit dem man “auch mal” arbeiten kann. Wobei wir alle sicher erst noch warten müssen, bis wir ein iPad in die Finger bekommen, um das endgültig beurteilen zu können.
Beim iPhone war es jedenfalls doch überraschend, wieviel Kreativität in allen Bereichen der App-Store freigesetzt hat. Die strenge Regulierung durch Apple hat da sowohl Vor- und Nachteile. Welches überwiegt, kann jeder Konsument für sich entscheiden. Alternativen gibt es ja genug und wird es sicher bald auch auf dem Tablet-Markt geben.
Gerade das iPad vermeidet ja die bei den Readern bemängelten Tendenzen zu geschlossenen Systemen. Wenn es dann noch deutlich fixer sein sollte, als die immer noch grausam lahmen e-ink-Krücken und sich nebenbei zum Schreiben eignet (was noch zu beweisen ist), wird es als Netbook / eReader – Kombi auf jeden Fall eine ernstzunehmende Alternative.
Und wenn das der Fall ist, zieht die Konkurrenz (hoffentlich) nach – was Apple wiederum selbst zur Deregulierung zwingt.
Für mich ist die Tatsache das das Gerät über keine USB-Schnittstelle verfügt, über die eine Datensicherung und ein Datenaustausch z.B. bei Dienstreisen erfolgen kann ein starkes Indiz dafür, dass das System ganz gezielt auf die NICHT-professionelle Nutzung zugeschnitten ist . Bei einer Ökonomischen Bewertung muss ich nämlich meine ganze Peripherie ebenso abschreiben, wie ich meine bisherigen Geräte nicht ersetzen kann. Das iPad stiftet für den Anwender “nur” Spasswert und keinen ökonomischen/beruflichen Mehrwert.; davon aber jede Menge, weshalb ich davon überzeugt bin, dass Kindle ist schon Geschichte ist.
Völlig anders ist das aus Sicht von Medienhäusern zu sehen, für die der iPad einem Gottesgeschenk gleich kommt und welche mir die eigentliche Zielgruppe des iPads zu sein scheinen. Viele Verlage müssen, ob sie wollen oder nicht, ihre Kosten den möglichen Erlösen anpassen, da ihre früheren Erlösmodelle auf das Internet nicht zu übertragen sind. Mit Blick auf die gewaltigen Druck- und Distributionskosten im Zeitungs- und Zeitschriftenbereich sehen sich nicht wenige Unternehmen auf einen Poller am Ende der Gleise zurasen. Das iPad verheißt nun Chancen auf der Kosten- und der Erlösseite:
1. es scheint möglich die Druckauflage zu senken und die Reichweite beizubehalten.
2. Die Distributionskosten (Logistik, Lager, Auslieferung etc.) könnten implodieren- > der Bahnhofsbuchhandel wir es sicher als erster merken.
3. Die Medienangebote können multimediale Inhalte transportieren, so dass z.B. jede iPad-optimierte Zeitschrift zu einen eigenen Zielgruppen-(TV)-Kanal und jede Lokalzeitung zu einem lokalen multimedialen Angebot werden könnte.
4. Der App-Store hat ein funktionierendes Abrechnungssystem und eine wahnsinnige Reichweite.
Ob sich alle dieser Hoffnungen auf der Zeitachse realisieren lassen – ich habe meine Zweifel. Aber aus Sicht vieler Medienhäuser scheint Licht am Ende des Horizonts. (Ist es da ein Wunder, dass die Verlage das Tagesschau-App verhindern wollen?)