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Zehn Weblogs, die für Qualität bürgen

Eingestellt von Stefan Winterbauer am 15.12.2009 09:29 6 Kommentare Drucker-Optimiert
Gelesen: 2041 · heute: 10

Qualität

Diskussion um Qualität im Internet

Die Diskussion um Qualität in den Medien und in Weblogs ist vielstimmig und mit Vorurteilen beladen. Vertreter traditioneller Medien schimpfen gerne auf Weblogs, die so genannten Tagebücher im Internet, die angeblich nur wiederkäuen und abschreiben, was vorzugsweise gedruckte Qualitätsmedien zuvor mit großem Zeit- und Kostenaufwand recherchiert haben. Und natürlich gibt es diese Weblogs, die fast nur kommentieren und wiederkäuen, aber das ist eben auch nur eine Seite. Daneben gibt es zahlreiche lesenswerte Weblogs, die eigene Akzente setzen, eigene Sichtweisen und Stilformen einbringen und oft von der breiten Medienöffentlichkeit unbemerkt einen Qualitätsstandard in ihrer Nische erreicht haben, nach dem sich manches Mainstream-Medium nur die Finger lecken könnte. Wir präsentieren hier beispielhaft zehn lesenswerte Weblogs, subjektiv ausgewählt, die sehr unterschiedlich sind. Aber jedes für sich bürgt für Qualität.

- Das Politik-Blog: „Sprengsatz“ (www.sprengsatz.de)

Der ehemalige „Bild am Sonntag“-Chefredakteur und Medienberater des CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber im Wahlkampf 2002, Michael Spreng, zeigt hier, dass ein Politik-Blog in Deutschland sehr wohl funktioniert. Spreng liefert einerseits fundierte Analysen zur aktuellen Tagespolitik, denen man anmerkt, wie gut es tut, wenn einer keine Rücksicht mehr auf redaktionelle Empfindlichkeiten nehmen muss. Das Ergebnis sind oft klare, auf den Punkt formulierte Kommentare zum politischen Tagesgeschehen, wie sie auch eine überregionale Tageszeitung zieren würde. Andererseits packt Spreng aus seinem reichen Erfahrungsschatz in gewissen Abständen die eine oder andere Anekdote aus. Wie das wirklich war bei der Krawattenwahl zum ersten Kanzlerkandidaten-TV-Duell zwischen Stoiber und Gerhard Schröder oder wie Medienmogul Leo Kirch ihn bei der „Bild am Sonntag“ absägen wollte. Mit Zeitverzug bietet er witzige und lehrreiche Einblicke hinter die Kulissen des Politik- und Medienbetriebs.

- Das Pharma-Blog: „Stationäre Aufnahme“ (www.gesundheit.blogger.de)

Die Autoren des Weblogs „Stationäre Aufnahme“ befassen sich mit bewundernswerter Detailversessenheit mit den Schnittstellen zwischen Journalismus, PR, Marketing und der Pharmabranche. Die oftmals komplizierten Verflechtungen werden hier mit großer Sachkenntnis aufgedröselt. Das Weblog hat u.a. den Schleichwerbeskandal mit dem omnipräsenten Gesundheits-Experten Hademar Bankhofer und Klosterfrau Melissengeist losgetreten. Auch der peinliche Ausrutscher des WDR mit der verdeckten Marketing-Aktion für eine angebliche Neurodermitis-Salbe in Form einer investigativ daherkommenden TV-Reportage wurde von „Stationäre Aufnahme“ minutiös nachverfolgt und für Leser transparent gemacht. Wer dieses Blog liest, erfährt mehr über die Verflechtungen der Pharmaindustrie mit Medien und Marketing als aus jeder deutschen Tageszeitung.

- Das Wirtschafts-Blog: „Weissgarnix“ (www.weissgarnix.de)

Es gibt einige sehr gute Weblogs zum Thema Wirtschaft in Deutschland, eines der besten ist „Weissgarnix“. Dabei kommt „Weissgarnix“ eigentlich aus Österreich und der Name ist hier ganz und gar nicht Programm. Die Autoren Thomas Strobl und Frank Lübberding glänzen täglich mit hintergründigen und erkenntnisreichen Texten zum Thema Wirtschaft auf höchstem Niveau. Während in Wirtschaftsteilen von vielen Zeitungen und Magazinen stellenweise PR- und Hurra-Meldungen abgedruckt werden, bietet „Weissgarnix“ oft schon eine tiefergehende Analyse. Das ist manchmal auch schwere Kost, wenn es zum Beispiel um Theorien von Keynes oder Minsky geht, das Thema Inflation in allen Facetten beleuchtet wird oder sich die Autoren die Rolle der Europäischen Zentralbank zur Brust nehmen. Das „Weissgarnix“-Weblog zählt mit zum Besten, was man in deutscher Sprache zum Thema Wirtschaft und Finanzpolitik lesen kann.

- Das „Vermischte“-Blog: „Glaserei“ (blog.stuttgarter-Zeitung.de)

Wie macht der Mann das nur? Der Autor Peter Glaser veröffentlicht in seinem Weblog, das er bei der „Stuttgarter Zeitung“ betreibt Tag für Tag so viele sehens- und lesenswerte Web-Fundstücke, dass einem geradezu schwindelig wird. Oft sind das Fotos, Kunstwerke, Filme, mal eine hellsichtige Anmerkung zur Netzkultur oder purer Spaß. Peter Glasers „Glaserei“ führt einem die schier unerschöpfliche Vielfalt des Web vor Augen. Peter Glaser ist dabei Navigator und Fremdenführer mit dem Auge fürs Poetische und Skurrile.

- Das Sport-Blog: Jens Weinreich (jensweinreich.de)

Ähnliches wie über „Stationäre Aufnahme“ oder „Weissgarnix“ könnte man über das Weblog von Jens Weinreich sagen, nur dass es beim Blog des streitbaren Sportjournalisten vorrangig ums Thema Doping geht. Wer sich für die wirklich tiefe Analyse und Original-Statistiken beispielsweise zum Prozess von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein interessiert, für den ist Weinreichs Blog die erste Anlaufstelle. Die Diskussionen in den Kommentaren finden auf unglaublich hohem Niveau statt. Für Nicht-Fachleute ist das manchmal schon fast zu viel und zu detailreiche Information, aber es ist gut, dass es solch ein Angebot gibt, für das in keinem Mainstream-Medium Platz wäre.

- Das Medien-Blog: Stefan Niggemeier (stefan-niggemeier.de/blog)

Das Blog vom vielfach gepriesenen und ausgezeichneten Medienjournalisten Stefan Niggemeier ist beileibe kein Geheimtipp. Aber auch sein Blog zeichnet sich durch eine grundsätzliche Qualität aus. Niggemeier formuliert brillant in seinen Kritiken. Er klemmt sich mit der Beißwut eines Terriers an seinen Themen fest. Wenn er zum Beispiel die üblen Machenschaften von Call-In-TV-Sendern mit Hilfe von Sende-Protokollen darlegt oder gegen Schlamperei und Interessenskonflikte bei traditionellen und Online-Medien anschreibt, ist das aufklärerischer Journalismus in bestem Sinne.

- Das Internet-Blog: „Netzpolitik.org“ (www.netzpolitik.org)

Noch so ein Weblog, das die These, Blogs würden nur von traditionellen Medien abschreiben, ad absurdum führt. Das Gegenteil ist hier der Fall. Das Weblog Netzpolitik.org unter Federführung von Markus Beckedahl, hat zahlreiche Datenschutzskandale der jüngeren Zeit ins Rollen gebracht, u.a. bei der beliebten Online-Community SchülerVZ. Außerdem spielte und spielt Netzpolitik.org eine zentrale Rolle bei der Diskussion um die mittlerweile gekippten Internet-Sperren. Gemeinsam mit einer TV-Produktionsfirma initiierten die Macher vor der jüngsten Bundestagswahl die ironische Online-Video Kampagne „Geh nicht hin!“, die jugendliche Netz-Nutzer dazu auffordern sollte, wählen zu gehen.

- Das Apple-Blog: „FSCKlog“ (www.fscklog.com)

Wer sich für Produkte aus dem Hause Apple interessiert, kommt am Weblog FSCKlog kaum vorbei. Gut geschrieben, aktuell und auf den Punkt wird hier aus der Welt von iPhones und Macs informiert. Aktuelle Gerüchte werden eingeordnet, neue Produkte durchaus kritisch getestet und vorgestellt. Das inhaltliche Angebot von FSCKlog braucht sich hinter dem traditioneller Mac-Medien nicht zu verstecken.

- Das Literatur-Blog: „Melancholie Modeste“ (modeste.twoday.net)

Statt einem der gefühlt hunderttausenden Weblogs, die Bücher besprechen hier eines, das selbst Literatur produziert. Die kleinen Texte der Autorin lassen sich etwas pauschal als poetische Alltagsbeobachtungen zusammenfassen. Die Texte sind mit einer solchen Liebe zur Formulierung und Zartheit verfasst, dass man, einmal begonnen, immer weiterlesen möchte. Ein leises, feines Weblog, ganz weit weg vom lauten Krach und ewigen Ich-Ich-Ich der so genannten Blogosphäre und Medienwelt und gerade darum eine nachdrückliche Empfehlung wert.

- Das Koch-Blog: „Anonyme Köche“ (www.anonymekoeche.net)

So genannte Food-Blogs gibt es wie Sand am Meer. Hier ist ein wirklich außergewöhnliches. Die Anonymen Köche frönen eine hoch stehende Koch- und Esskultur weitab vom Alltags-Einheitsbrei. Hier werden Rebhühner zubereitet, es gibt Ossobuco, Fasan und Apfelstrudel inspiriert vom Tarantino-Streifen „Inglourious Basterds.“ Dieses Weblog ist mit soviel Liebe und Hingabe zur ästhetischen Küche fabriziert, dass allein das Lesen der Texte und Anschauen der Bilder eine wahre Freude ist. Selbst wenn einem das Nachkochen der ambitionierten Gerichte zu aufwendig sein sollte. Die „Anonymen Köche“ setzen auch Maßstäbe in ästhetischer Food-Fotografie. Das hat mittlerweile auch der Verlag Gräfe und Unzer gemerkt und mit den Autoren des Blog ein echtes Kochbuch produziert.

Stefan WinterbauerStefan Winterbauer ist fester Autor beim Online-Medienmagazin MEEDIA. Spezialgebiete: Der digitale Wandel von Printmedien, digitale Geschäftsmodelle, Netzkultur und Social Web.
Als freier Journalist und Autor schreibt Winterbauer unter anderem für die “Welt am Sonntag”, “Süddeutsche Zeitung”, “medium magazin”, “Wirtschaftsjournalist” “acquisa” und seit Anfang November für “fachmedien.net”. Darüber hinaus moderiert und hält er Fachvorträge. Stefan Winterbauer war auch Referent beim diesjährigen Rheingauer Verlegertag mit dem Thema “Der Wandel in der Marketing orientierten Medienwelt”.

(Bild – © DeVIce – Fotolia.com)

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Schlagworte: Diskussion, Medien, Qualität, Tagebücher, Weblogs
  • Kommentare (5)
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Kommentare

  • Peter Glaser schreibt:

    Danke für die wohlwollenden Anmerkungen zur Glaserei.

    Leider führt der Link ins Nirwana, hier ein funktionierender:
    http://blog.stuttgarter-zeitung.de/

    Mr. Scott, Energie!
    PG

    -15.12.2009 um 15:35
  • Dr. Iris Schröder-Maiwald (Autor) schreibt:

    Sorry Herr Glaser, jetzt funktioniert der Link. Wir twittern gleich mal, dass er aktualisiert wurde und nicht mehr ins Nirvana führt!!!!

    -16.12.2009 um 08:55
  • Mathias Bruchmann (Verlag C.H.Beck) schreibt:

    Für alle, die sich intensiver für rechtliche Themen interessieren, ist auch unser juristischer Fachblog http://www.beck-blog.de eine Empfehlung wert.

    -16.12.2009 um 14:31
  • Stephan Orgel (Autor) schreibt:

    Es gibt natürlich eine Menge interessanter Blogs, bei denen es sich lohnt, öfter mal reinzuschauen. Herr Winterbauer scheint mir aber explizit Blogs herausgesucht haben, die der ursprünglichen Bedeutung entsprechen: Autor ist zumeist nur eine einzelne Person (maximal zwei,drei Gleichgesinnte) mit subjektiver, durchaus disskussionswürdiger Meinung (nein, ich schaue in diesem Augenblick nicht auf Herrn Niggemeier).

    Das beck-blog würde ich trotz des Namens übrigens eher den Internet-Foren zuordnen – was ich in juristischen Themenbereichen sogar als geeigneter ansehe.

    -17.12.2009 um 10:05
  • Winnegirl schreibt:

    Die Anonymen Köche sind wirklich eine Bereicherung der Food-Blog-Szene. Das Gräfe und Unzer mit den Autoren ein gedrucktes Werk produziert, zeigt das hier die Qualität stimmt. Wer sich für weitere gelungene Food-Blogs interessiert, dem sei diese Top 10 empfohlen: http://www.zehn.de/die-10-interessantesten-foodblogs-aus-dem-deutschen-sprachraum-377609-0

    Gruß Winnegirl

    -22.12.2009 um 14:14

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