Der unheimliche Erfolg von Phrases bei Facebook
Das schmutzige Geheimnis von Dr. Toast und dem dicken Santa
Das Soziale Netzwerk Facebook wird auch in Deutschland immer populärer. Laut dem Google Ad-Planner erreicht Facebook in Deutschland im November erstmals über zehn Millionen Nutzer, weltweit hat Facebook mittlerweile über 350 Millionen Mitglieder. Eine der Besonderheiten bei Facebook ist die offene Schnittstelle für Programmierer. Im Prinzip kann jeder kleine Anwendungsprogramme für die Facebook-Plattform schreiben und dort veröffentlichen, so lange diese nicht gegen allgemeine Regeln verstoßen. Neben allerlei Nützlichkeiten gibt es da freilich auch einiges an Unsinn. Eine der beliebtesten Quatsch-Anwendungen der jüngsten Zeit heißt Phrases und breitet sich auf Facebook in virusartigem Tempo aus. Wer sich auf Facebook herumtreibt und schon mal von dem “dicken Santa”, der “Liebesrübe” oder “Dr. Bohne” gehört hat, der ist auch schon mit Phrases in Berührung gekommen. Hinter den lustigen Sprüchen stecken allerdings handfeste wirtschaftliche Interessen.
Die Begegnung mit Phrases läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Eine der “lustigen” Figuren gibt einem nach dem Zufallsprinzip einen Spruch aus. Die “Glücksnuss” beispielsweise könnte sagen: “Jemand aus deiner Vergangenheit, wird dich erzittern lassen wie ein Wackelpudding.” Oder: “Du wirst einen Anruf bekommen, der dir am Anfang nicht so wichtig erscheint.” Für eher misanthropische Zeitgenossen gibt es die “Unglücksnuss”, die Sprüche folgenden Kalibers bereithält: “Du hast die anale Phase noch nicht überwunden.” Naja. Schwamm drüber.
Noch beliebter sind Phrases-Anwendung, die vermeintlich Lustiges über Facebook-Freunde kundtun. So gibt der “dicke Santa” eher unverbindliche Geschenke-Tipps oder “Dr. Toast” verrät angebliche Geheimnisse á la: “xy war früher Präsident des ‘Wir-lieben-die-Schlümpfe-Clubs’.”
Harmlose Facebook-Streiche auf Pennäler-Niveau, könnte man denken. Stimmt im Prinzip auch, dahinter stecken aber, wie oft im Internet, knallharte Geschäftsinteressen. Die Phrases-Anwendung ist ein reinrassiger Vertreter des so genannten AAL-Prinzips. AAL bedeutet “Andere für sich arbeiten lassen”. Die Nutzer können nämlich mit wenigen Handgriffen selbst immer neue Variationen vom dicken Santa, dem rosa Elefanten, der Liebesrübe, Dr. Bohne und wie sie alle heißen, auf die Nutzerschar loslassen. Ein Verzeichnis bei Facebook zählt bis dato über 14.300 solcher Phrases-Anwendungen.
Phrases bei Facebook hat mittlerweile über 3,1 Millionen Nutzer, Tendenz steigend. Denn wenn man einmal von einem “Freund” bei Facebook angefixt wurde, besteht ein starker Impuls selbst auch mitzumachen. Ist ja im Prinzip auch nur ein harmloser Spaß. Aber einer, der nach Spam riecht. Spam, das sind diese unerwünschten Werbe-Emails, die man mittlerweile zu genüge kennt. Denn die Ergebnis- und Eingabeseiten von Dr. Toast, Liebesrübe und Co. sind zugepflastert mit Werbung von der nicht unbedingt seriösesten Sorte. So wirbt dort u.a. einer der berüchtigten Internet-IQ-Tests. Das ist eine virtuelle Bauernfängerei, bei der Nutzer mit einem der beliebten IQ-Tests geködert werden. Am Ende soll man zur Übermittlung des Ergebnisses seine Handynummer eingeben und schwups hat man ein Klingelton-Abo oder Ähnliches abgeschlossen.
Auch die sehr beliebten Social Games wie Farmville oder Mafia Wars, bei denen man u.a. mit Hilfe seiner Facebook-Freunde einen Bauernhof bewirtschaften oder sich in einen Gangster-Krieg stürzen kann, wurden teilweise mit solch unseriöser Werbung in Verbindung gebracht. Der Anbieter der beliebtesten Social Games, Zynga, hat sich mittlerweile davon distanziert und versprochen, keine Werbekunden mit halbseidenen Angeboten mehr anzunehmen. Auch bei Facebook selbst werden derlei Aktivitäten misstrauisch beäugt. Die Firma braucht zwar dringend Werbe-Erlöse, auf Dauer könnte ein Imageverlust durch unseriöse Anzeigenkunden aber mehr Schaden anrichten als Geld in die Kasse spülen.
Stefan Winterbauer ist fester Autor beim Online-Medienmagazin MEEDIA. Spezialgebiete: Der digitale Wandel von Printmedien, digitale Geschäftsmodelle, Netzkultur und Social Web.
Als freier Journalist und Autor schreibt Winterbauer unter anderem für die “Welt am Sonntag”, “Süddeutsche Zeitung”, “medium magazin”, “Wirtschaftsjournalist” “acquisa” und seit Anfang November für “fachmedien.net”. Darüber hinaus moderiert und hält er Fachvorträge. Stefan Winterbauer war auch Referent beim diesjährigen Rheingauer Verlegertag mit dem Thema “Der Wandel in der Marketing orientierten Medienwelt”.
(Bildnachweis: Santa: © Lisa F. Young – Fotolia.com)
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