eBook oder paperBook?
(19.11.2008 -vum) Thomas Orgel, Jahrgang ‘73, freier Grafik-Designer und Art Director, hat die neueste Generation von eBooks einmal genauer unter die Lupe genommen und sich die Frage gestellt, ob es tatsächlich schon so weit ist, seine herkömmlichen Bücher in den Müll zu werfen.
Im Zuge der Vorstellung von Sonys neuestem Technik-Spielzeug, dem PRS-505, ist die Diskussion um die Verdrängung von Tageszeitungen und Büchern durch das sogenannte eBook, das “elektronische Buch” zum wiederholten Male entbrannt:
Pessimisten sehen bereits das große Verlagssterben und das immer rasantere Dahinsiechen der klassischen Printmedien im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert.
Optimisten hingegen sehen eine neue Ära der Vielleser auf uns zu kommen, die den Druckerzeugnissen wie auch ihren jüngeren elektronischen Geschwistern ihre ganz eigenen Marktsegmente lässt und von der am Ende alle profitieren werden.
Realisten schließlich bemerken, dass wir die Diskussion in den letzten 15 Jahren mehrfach hatten – und auch Sonys neues “Wunderkind” keine erhebliche Änderung des Status Quo bringt.
Dazu muss man vielleicht vorrausschicken, dass Sony hier kein neues eBook erfunden hat, wie gern erklärt wird. Der japanische Konzern hat lediglich ein neues Lesegerät mit einigen technischen Verbesserungen auf den Markt gebracht, einen eBook-Reader.
Ein tatsächliches eBook ist schlicht nichts weiter als ein digitales (und gelegentlich multimediales und interaktives) Dokument, im Gegensatz zu einem gedruckten Informationsmedium (wie Buch oder Zeitung). Wie es gelesen wird, steht beim bloßen Dokument noch in den Sternen. Und hier liegt schon der hauptsächliche Knackpunkt der Diskussion. Bislang werden die meisten eBooks auf Computern, bestenfalls Laptops oder Palmtops gelesen. Was sie als Ersatzmedium zum Buch uninteressant macht, denn die wenigsten Menschen wollen sich, wenn sie einen Roman lesen möchten, vor den Rechner setzen. Und auch die Morgenzeitung am Frühstückstisch ist mit dem aufgeklappten Laptop neben der Kaffeetasse nicht wirklich vergleichbar.
Hier liegt aber tatsächlich die Stärke des elektronischen Mediums und vermutlich in Zukunft die größte Umstellung im Verlagsmarkt: Die jüngere Leserschaft bezieht ihre täglichen Nachrichten schon jetzt bevorzugt online; die Zeitungen als Einmal-Medium werden durch ein schnell aktualisierbares Medium mit online-Abgleich (also einem internet-Newsreader) immer mehr in Bedrängnis gebracht.
Eine weitere realistische Marktlücke sehen Kenner der Verlagsbranche auch im Bereich der Nachschlagewerke, Bedienungsanleitungen und Fachbücher, gerade in solchen Bereichen, in denen die Information schnell veraltet und idealerweise tagesaktuell gehalten werden sollte. Der Lexika-Markt hat es vorgemacht: Mit dem Herausbringen von lexikalischen Sammlungen auf CD und DVD ist der Markt für mehrdutzendbändige Lexika (z.B. “Der große Brockhaus”) weitgehend zusammen gebrochen. Und online-Nachschlagewerke wie Wikipedia (das mehreren unabhängigen Untersuchungen zufolge im Allgemeinen genau so exakt recherchiert ist, wie der Brockhaus oder die Encyclopaedia Britannica) haben ihnen den Rest gegeben.
Ähnliches kann den Tageszeitungen und sonstigen Nachschlagewerken blühen. Und für Vielreisende, die nicht auf reichlich Lesestoff verzichten wollen, könnte das eBook tatsächlich auch eine Alternative sein.
Wenn, ja WENN die notwendigen Reader, also die Lesegeräte, irgendwann einmal so weit sind.
Denn das mit dem elektronischen Papier (ePaper) ist so eine Sache: Bisher funktioniert es zwar theoretisch und auch im Laborversuch ganz ansehnlich – aber die Umsetzung in die Praxis lässt viel zu wünschen übrig. Sonys neuer PRS-505 ist wieder einmal der Versuch, einen serienreifen Reader zur eBook-Nutzung auf den Markt zu bringen. Aber bei näherer Betrachtung bietet er, abgesehen von tatsächlich gestochen scharfer Schrift “schwarz auf weiß”, trotz red dot award nicht viel Neues – dafür jedoch eine Menge altbekannter Schwächen.
Allen voran:
- Mangelhafte Handhabung, besonders, was das Markieren von Textstellen und die Kommentiermöglichkeiten angeht – was jedes Taschenbuch mithilfe eines Bleistiftes bietet
- geringe Geschwindigkeit. Das Lesen längerer Texte wird regelrecht zur Qual, wenn jemand mit einer halbwegs normalen Lesegeschwindigkeit einen längeren Tet lesen will und für jeden Seiten-Wechsel mehrere Sekunden warten muss.
- Interaktivität und Abbildung von Bildmaterial sind zwar prinzipiell möglich, jedoch sehr eingeschränkt – und treiben die Akkuleistung schnell an ihre Grenzen.
- Die Datei-Format-Kompatibilität ist nur sehr eingeschränkt vorhanden. Was angesichts der Tatsache, dass es keinen einheitlichen eBook-Standard gibt, eher ärgerlich ist.
Tatsächlich sehen Verlagsbeobachter in den derzeitigen eBook-Readern keinerlei Konkurrenzfähigkeit zum Buch oder zur Tageszeitung.
Die tatsächliche Bedrohung steht auf einer ganz anderen Seite: nämlich bei den netBooks, den immer mehr miniaturisierten Laptop-Geschwistern im Billig-Segment – und vor allem bei den MultimediaPhones, allen voran dem iPhone von Apple.
Gerade Letzteres hat bereits technisch alles, was ein eBook haben sollte. Und zusätzlich kann man damit telefonieren und sich entsprechende News und Aktualisierungen per Internet-Zugang sofort holen. Von der Möglichkeit, sich ausgiebig Notizen zu machen und Entsprechendes zu speichern und mit dem eigenen Computer abzugleichen ganz zu schweigen. Handhabung, Darstellungsleistung und Komfort lassen kaum Wünsche offen und tatsächlich erhält man für einen vergleichbaren Preis doch deutlich mehr für sein Geld. Schaffen es andere Anbieter in absehbarer Zeit, vergleichbare Geräte als Alternativen zu bieten und werden online-Angebot und entsprechend abgestimmte, elektronische Publikationen zügig ausgebaut, dann könnten Multimediawunder wie das iPhone von einem besseren Must-have-Gimmick tatsächlich zu einem echten Gebrauchsgegenstand werden. Und damit zu einer erstmals echten Gefährdung für die klassischen Printmedien.
Das klassische Buch hingegen wird weder von eBook noch von netBook oder iPhone merklich betroffen werden. Zu groß sind die haptischen und praktischen Vorteile – und zu verführerisch der Anblick eines Bücherregals voller Buchrücken. Und vor allem: Ein Taschenbuch kostet nur einige wenige Euro, ist recht unempfindlich gegen Hitze, Kälte, Spritzwasser und Sand vom Urlaubsstrand. Und stoßfest ist es zudem auch noch. Ganz von der Tatsache abgesehen, dass es vollkommen ohne Batterien auskommt und auch in 100 Jahren noch funktionstüchtig und lesbar sein wird. Was man von elektronischen Medien eher nicht behaupten kann.
Und verblüffenderweise kann man auch noch richtig schnell umblättern.

Was aber die wirklich spannende Frage werden wird, ist der gestalterische und vor allem typographische Aspekt. Denn gute Lesetypographie wird selbst auf elektronischen Medien nicht weniger wichtig, sondern eher noch wichtiger als zuvor sein. Von neuen Formen der Werbung und Präsentation einmal ganz abgesehen. Die Möglichkeiten sind weiter gefächert, als sich das selbst viele Kollegen heute schon vorstellen können.
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Auf der Website “Der Handel” beschreibt der Buchhändler und Vorstandsmitglied des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Stephan Jaenicke die Gefahren und Chancen digitaler Buchinhalte und warum kleine Händler am Ende den Filialisten überlegen sein könnten.
“Am Anfang werden E-Books sicher nur von einem exklusiven Nutzerkreis genutzt werden, mittelfristig werden sie aber sicher signifikante Marktanteile erobern”, sagt Jaenicke dem Magazin Der Handel. Die Branche stehe vor einer riesigen Herausforderung. Das gedruckte Buch könne in ferner Zukunft “einmal eine Art Nischenprodukt” sein, hält Jaenicke für möglich.